Harmloser Zauber? - Die Schattenseite der Harry Potter-Begeisterung

Backsteindick sind sie und werden doch von Millionen Kindern heißhungrig verschlungen: die Harry Potter-Romane der Engländerin Joanne K. Rawlings. "Harry Potter und die Kammer des Schreckens", "Harry Potter und das Geheimnis von Askaban" - so heißen zwei der insgesamt vier Bände des Hexen- und Zauber-Siebenteilers aus der Feder der ehemaligen Lehrerin. 30 Millionen Bücher sind bisher gedruckt. Allein in Deutschland haben inzwischen über eine Million Menschen die Geschichten über Harry Potters Abenteuer gelesen. Dank geschickten Marketings und verschiedener Filmrechten wird mit einem Gesamtumsatz von zwei Milliarden Mark gerechnet. Der vierte Band mit dem Titel "Harry Potter und der Feuerkelch" erlebte eine Startauflage von 53 Millionen Exemplaren. Sogar eine Verfilmung ist geplant. Steven Spielberg sollte für dieses Projekt gewonnen werden, doch er winkte ab. Trotzdem wird es den Film irgendwann geben.

Im Mittelpunkt der Romane steht der etwas tollpatschige Harry Potter, der seine Spielkameraden immer wieder mit Streichen erschreckt und auch sonst für Wirbel sorgt, etwa wenn er trotz Zauberverbots in den Ferien seine ungeliebte Tante mittels eines Schwebezaubers an die Decke befördert.

Vorbild für die Harry-Potter-Figur war offensichtlich ein Junge aus Rawlings Nachbarschaft namens Ian Potter aus dem englischen Winterbourne, der inzwischen Bautechniker ist, aber noch immer in derselben Straße lebt wie früher die Autorin. Er erinnert sich: "Unser Lieblingsspiel hatte mit Zauberern und Hexen zu tun. Joanne war diejenige, die sich all die Zaubersprüche und Verwünschungen ausdachte. Sie fragte mich wegen meines Namens aus. Potter - das faszinierte sie."

Wie ist die Faszination der Potter-Bücher auf die Leser zu erklären? Vermutlich ist es die Mischung aus Fantasy, Klamauk und Detektivgeschichte, die diese Romane so gut ankommen lässt und die Leser regelrecht verzaubert. Die Lust am Übernatürlichen und Fantastischen liegt ohnehin in der Luft. Wenn dazu noch eine Prise englischer Humor und Selbstironie kommt, kann eigentlich nichts mehr schief gehen auf dem Weg nach ganz oben in den Bestsellerhimmel. Übrigens - fragt man jugendliche Potter-Leser nach den Gründen für die Faszination, stößt man nicht unbedingt auf große Auskunftsfreude. Bloß nicht analysieren, sondern einfach eintauchen, teilhaben an der Zauberwelt des Harry Potter, der Gegenwelt zum oft eher prosaisch-langweiligen Alltag.

Die Begeisterung hat aber auch eine nicht ganz unproblematische Seite. Sie kann dazu führen, dass sich Jugendliche in der Fantasiewelt verlieren. Gewiss, alle Jugendlichen leben irgendwie in zwei Welten, der realen Alltagswelt mit den Anforderungen von Schule und Elternhaus und einer Traum- und Fantasiewelt. Zur Letzteren gehört auch das Fernsehen. Die Fernbedienung ist der Zauberstab, mit dem man Bilder verschwinden und hervorlocken kann. Das Problem besteht darin, dass die beiden Welten in unseren Medien immer mehr ineinander verschwimmen und es dadurch schwer wird, Realität und Fiktion auseinander zu halten. Die Potter-Romane spiegeln diese Entwicklung wider.

Noch auf einen andern Gesichtspunkt muss hingewiesen werden, nämlich auf die Rolle der Zauberpraktiken, die in diesen Büchern beschrieben und angewandt werden. Sind sie nur ein Transport- und Ausdrucksmittel für die kindliche Fantasie oder wird hier nicht doch auf eine scheinbar harmlose Art eine Schleuse in Richtung Esoterik und Okkultismus geöffnet? Aus biblischer Sicht zumindest sind Zauberpraktiken, unabhängig in welcher Form sie präsentiert werden, nicht als bloße Spielerei abzutun.

Können die Potter-Romane und die Vielzahl anderer neuer Kinderbücher, die sich mit Zauberei beschäftigen, das Interesse wecken und die Offenheit für eine spätere Beschäftigung mit okkulten Dingen bewirken? Manche werden über solche kritischen Fragen nur lächeln und das als überflüssige religiöse Skrupel abtun. Wer jedoch die Aussagen der Bibel zum Thema Zauberei und Okkultismus ernst nimmt, wird sich vom derzeitigen Lesetaumel nicht anstecken lassen.

Dem Kassenknüller Harry Potter stehen zum Glück hunderte anderer leider viel zu wenig beachteter Kinderbücher gegenüber. Sie kommen ohne Zauberei und Hexerei aus. Sie überzeugen durch andere Qualitäten wie zum Beispiel mehr Realitätsnähe und Charaktere, die es locker mit Harry aufnehmen können.

Burkhard Mayer
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