Golgatha

Durch manche Länderstrecke - trug ich den Wanderstab,
von mancher Felsenecke - schaut ich ins Tal hinab;
doch über alle Berge - die ich auf Erden sah,
geht mir ein stiller Hügel, - der Hügel Golgatha.

Er ragt nicht in die Wolken - mit eisgekrönter Stirn,
er hebt nicht in die Lüfte - die sonnige Alpenfirn,
doch so der Erd entnommen - und so dem Himmel nah
bin ich noch nie gekommen, - wie dort auf Golgatha.

Es trägt sein kahler Gipfel - nicht Wälderkronen stolz,
nicht hohe Eichenwipfel, - nicht köstlich Zedernholz;
doch, alle Königszedern, - die einst der Hermon sah,
sie neigen ihre Kronen - dem Kreuz von Golgatha.

Nicht gibt es dort zu schauen - der Erde Herrlichkeit,
nicht grüngestreckte Augen, - nicht Silberströme breit;
doch alle Pracht der Erde - verging mir, als ich sah
das edle Angesichte - am Kreuz auf Golgatha.

Kein Bächlein quillt kristallen - dort aus bemoostem Stein,
nicht stolze Ströme wallen - von jenen Höhn landein;
doch rinnt vom Stamm des Kreuzes - in alle Lande da
ein Born des ew'gen Lebens - das Blut von Golgatha.

Dort schlägt der stolze Heide - stillbüßend an die Brust,
des Schächers Todesleide - entblühet Himmelslust;
dort klingen Engelsharfen - ein selig Gloria,
die Ewigkeiten singen - ein Lied von Golgatha.

Dorthin, mein Erdenpilger, - dort halte süße Rast;
dort wirf dem Sündentilger - zu Füßen deine Last!
Dann geh und rühme selig, - wie wohl dir dort geschah,
der Weg zum Paradiese - geht über Golgatha!

- Karl Gerok -

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