In den Klageliedern finden wir die Worte: "Die Güte Gottes ist es, dass wir nicht gar aus sind" und "Gottes Wege sind lauter Güte". Menschen in Not haben das gesagt. Wenn wir von der Güte Gottes reden, so ist das keine billige Rede, so ein bisschen Schwärmen von der Güte, sondern es ist ein Wissen und Erkennen der Güte Gottes aus der Tiefe heraus. Wir müssen uns das einmal vorstellen, wer das zuerst gesagt hat, nämlich die Gefangenen in Babylon. Sie waren weit mehr als 1000 km aus ihrer Heimat Jerusalem deportiert nach Babel. Viele waren bei der Belagerung und Einnahme Jerusalems umgekommen. Die meisten waren dann gefangen und nach Babel verschleppt worden. Ein kläglicher Rest war dort in der zerstörten Heimat zurückgeblieben. Daher zuerst die Klage: Wie kann Gott so etwas zulassen? Meist ist das ja so, wenn's Menschen schlecht geht, kriegt erst einmal der "liebe Gott" die Schuld. Das kann man heute immer wieder feststellen. Wie kann Gott den Krieg in Tschetschenien zulassen? usw. Meist gibt man Gott die Schuld. Dass sie an ihrem Elend selbst Schuld waren, und dass ihre Schuld hinter diesem Gottesgericht stand, das blieb ihnen lange Zeit verborgen und es blieb bei ihrer Klage.
Aber dann schließlich besinnen sie sich und wenden sich an Gott. Nun schenkt Gott ihnen eine neue Sicht, dort mitten im Elend. Und sie erkannten: in all der Not gibt es doch noch Grund zum Danken. In all der Not ist doch Gottes Güte noch da und sorgt dafür, dass es nicht gar aus ist. Es hätte ja auch mit uns völlig aus sein können. "Die Güte Gottes ist es, dass wir nicht gar aus sind, und seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß."
Was sie in guten Tagen in Jerusalem nicht gelernt haben, nicht lernen wollten in ihrer Hartherzigkeit, das lernen sie jetzt in den Tagen des Elends in Babylon. Deshalb schickt Gott ihnen das Leid. Da mit einem Mal erkennen sie es, und dennoch ist über dem Leid letztlich entscheidend für uns die Güte Gottes. Genau dahin hatte Gott sie bringen wollen, dazu brauchte er diese Not.
Es ist oft ein weiter Weg, bis Menschen erkennen: "Die Güte des Herrn hat noch kein Ende." Und es ist jedes Mal ein Wunder, wenn Menschen, die so kaputt sind, oder andere Menschen, die in Not sind, erkennen: Die Güte des Herrn ist's, dass es nicht gar aus ist mit mir. Die Wege des Herrn sind lauter Güte. Das erkennt der Mensch nicht von Natur, sondern er sucht, wo er schimpfen kann und was nicht so richtig ist in seinem Leben und woran was auszusetzen ist. Aber, dass die Güte Gottes über seinem Leben steht und dass Gott überhaupt ein Gott der Güte ist, das ist ein Wunder und Geschenk des Heiligen Geistes. Da kann man sogar, auch wenn schwere Wege kommen, noch erkennen, hier ist die Güte Gottes in meinem Leben.
Ich habe einmal erlebt, wie ein Polizist als 22jähriger Mann an Tbc krank wurde. Ich habe ihn in unserer Tbc-Heilstätte getroffen, wo ich auch war. Und wie er 14 Tage vor seinem Sterben noch gläubig wurde und sich bekehrte. Er hat mir am Tage vor seinem Tod gesagt: "Uwe, ich muss wohl Gott dankbar sein, dass ich so krank geworden bin, sonst hätte ich meinen Glauben nie wieder gefunden." Er hat sofort alle Illustrierten weggepackt und nur im Neuen Testament gelesen, als er gläubig wurde. Er ist dann mit dem Neuen Testament in der Hand heimgegangen. Die Schwester sagte: "Das war ein Heimgehen." So tief muss der Mensch erst kommen und erst dort in der Tiefe, da erkannte er die Güte Gottes über seinem Leben.
Wenn du an bestimmten Punkten in deinem Leben die Güte Gottes erkennst, dann ist es kein sehr weiter Weg mehr, auch zu erkennen: Die Wege des Herrn sind lauter Güte. Also nicht bloß das Ziel Gottes, auch der Weg schon ist Güte Gottes. Die Wege des Herrn, das sind die Wege, die Gott mit dir gehen will und die Gott mit dir geht. Das sind die Wege, die Gott für dich plant. Gott hat nämlich einen Plan für dein und mein Leben, Gott hat einen Heilsplan für dein und mein Leben. Er will, dass nach seinem guten Heilsplan du ewig bei ihm sein sollst in unaussprechlicher Herrlichkeit.
Aber nun möchte ich euch noch fragen: Könnt denn auch ihr das so bezeugen und sagen: Die Wege des Herrn sind lauter Güte? Ich wünschte, dass ihr einmal so über euer Leben nachdenkt. Natürlich musste ich über mein Leben nachdenken. Habt ihr schon einmal nachgedacht über Gottes Güte in eurem Leben? Und während ich jetzt mal ein bisschen von der Güte Gottes in meinem Leben erzählen möchte, wünschte ich euch, dass ihr das immer übertragt auf euer Leben und dass ihr die Güte Gottes in eurem Leben erkennt.
Für mich gehört es zur Güte Gottes, dass ich schon in eine christliche Familie geboren bin. Sie beginnt schon vor meiner Geburt. Ein Jahr vor meiner Geburt sind meine Eltern gläubig geworden. Ich glaube, da begann schon die Güte Gottes für mich, dass ich gebildet wurde in einer Mutter, die in der Liebe zu Jesus stand und in der Liebe zu ihrem Mann. Beides hat mich geprägt. Das bestimmte die Atmosphäre in meiner Kindheit bei unserer Familie. So habe ich Gottes Güte erfahren. Aber zugleich muss ich das andere sagen, meine Frau ist in einem unchristlichen Elternhaus aufgewachsen, sie war überhaupt nicht in der Kirche, aber sie ist mit 19 Jahren zum Glauben gekommen. Sie hat es gerade als Güte Gottes empfunden, dass sie nicht so hineingewachsen war. Ich musste mich nachher auch noch bekehren. Sie konnte die Unterschiede zwischen gläubig und nichtgläubig ganz anders empfinden und hat ganz andere Entdeckungen gemacht. Das Einst und das Jetzt war für sie viel deutlicher als es bei denen ist, die in christliche Familien hineingeboren sind. Was ich damit sagen will: Du kannst die Güte so erfahren und kannst die Güte gerade auch in entgegengesetzter Situation erfahren.
Nun könnte ich fortfahren, von der Güte Gottes in meinem Leben zu erzählen. Ich bin in eine lebendige Gemeinschaft hineingekommen. Es war ein Geschenk. Ich bin in einem lebendigen Jugendkreis aufgewachsen, das war ein Reichtum in meinem Leben.
Zur Güte Gottes gehört auch, dass wir einen ganz fröhlichen Prediger hatten, auch das ist ein Gottesgeschenk. Unser Prediger hat uns fröhliches Christentum vorgelebt. Es war im Jahre 1939 als er zu uns kam. Ich erinnere mich noch an die beiden Lieder, die er uns beibrachte. Ich habe gleich zu meinen Eltern gesagt: "Da gehe ich wieder hin!"
Also auch das ist Güte Gottes, wenn du einen Verkündiger hast, der dir das Evangelium auch evangeliumsgemäß vorlebt.
Dann allerdings muss ich euch auch etwas sagen von den schweren Dingen. Ich war 10 Monate in der Tbc-Heilstätte. Das waren natürlich Wege, von denen ich nicht gleich sagen konnte, das ist Güte Gottes in meinem Leben. Ich musste mitten im Studium abbrechen und in eine Tbc-Heilstätte gehen, das waren schon schwere Wege. Und doch gehört es für mich zur Güte Gottes, dass ich wieder gesund werden durfte, dass mein Glaubensleben vertieft wurde, dass ich noch ganz anderen Kontakt zu den Menschen um mich herum bekommen konnte, und dass ich überhaupt erkennen musste: Güte Gottes ist nicht bloß dann, wenn es uns gut geht, sondern sie steht auch über uns und bewährt sich gerade dann, wenn wir schwere Tage haben.
Dann hat Gott mir nach dem Studium eine liebe Frau geschenkt und 10 Kinder. Das ist ja auch Güte Gottes und jetzt eine große Schar Enkelkinder. Ich muss sagen, Güte Gottes ist eigentlich darin gewesen, dass er mein Leben in die Hand nahm und mich führte, dass ich mit meinem natürlichen Egoismus nicht durch kam, sondern dass ich wirklich bei Gott lernte, du hast lieb zu sein auch zu deiner Frau. Ich weiß noch, ich habe mich mal gestritten mit meiner Frau. Aber ich habe mich entschuldigt und habe gesehen, dass das wieder in Ordnung kam.
Wenn Gott in unserem Leben die Nummer Eins ist, dann lässt er das einfach nicht zu. Und so hat er eigentlich unsere Ehe bestimmt und regiert und dadurch so froh gemacht. Nur wenn Eltern sich gegenseitig so lieb haben, können sie Kinder erziehen, führen, dann wird es ihnen auch nicht so schnell zuviel.
Zu meinen Erfahrungen der Güte Gottes in meinem Leben gehört auch das Leben in der DDR. Meine Mutter hatte damals, als alle nach dem Westen gingen, gesagt: "Junge, komm doch mit". Ich studierte aber schon Theologie. Ich sagte: "Hier werden Pastoren gebraucht, da drüben gibt es genug." Sie weinte, das kann man ja verstehen. Es war 1953, der Kirchenkampf, und ich blieb nun da und sie ging. Wir haben es später nie bereut, die Eltern nicht und auch wir nicht, dass wir dageblieben waren. Es waren immer die schönsten Tage des Jahres für die ganze Familie, wenn die Eltern zu uns zu Besuch kamen. Ich kann sagen, dass Gott uns auch dort gebraucht hat. Wenn einer sagt, dass war verlorene Zeit: Nein!
Einmal ließ mich ein hoher Funktionär 14 Tage vor seinem Sterben kommen, ein SED-Genosse und ein Mitglied der SED-Kreisleitung. Er war schwer krank geworden. Sein erstes Wort war: "Herr Pfarrer, dies ist jetzt die Strafe Gottes." Ich konnte ihm sagen: "Nein, das ist die Heimsuchung Gottes. Er ist schon lange hinter ihnen her und jetzt hat er Sie eingeholt." Es kam bei diesem Mann zu einer klaren Umkehr.
Nun kommt das Schwerste, was ich in meinem Leben durchmachen musste und was jeder von euch irgendwie oder ähnlich durchmachen muss. Gott hat vor 1 1/2 Jahren meine Frau sterben lassen und zwei Jahre vorher schon wurde sie nach zwei Operationen plötzlich gelähmt. Zwei Jahre haben wir gegen diese Lähmung gekämpft. Schließlich kam eine Verschlechterung nach der anderen und sie wurde heimgerufen. Das ist schon schwerste Zeit, besonders dann, wenn man sich sehr gut versteht und sehr lieb hat.
Mich haben einmal die Männer in Serrahn, wo ich mit den Alkoholikern Andachten halte, gefragt: "Herr Pastor, Sie sind doch nun so ein frommer Mann und Sie haben doch sicher für ihre Frau gebetet. Wie kann Gott das zulassen?" Genau das, was so die meisten Menschen denken. Dann habe ich gesagt: "Ich kann euch das auch nicht erklären." Als Gott uns deutlich machte, dass es doch zum Sterben geht, war das unsere ganz große Freude: Es ist ja kein Sterben, sondern es ist ein Heimgehen. Es ist das, was Jesus gesagt hat: "Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben." Das gehört für mich zur großen Güte meines Gottes, dass meine Frau das fassen konnte und so im Frieden heimgegangen ist, und dass über dem Sterben ein ganz großer Gottesfriede, eine ganz große Hoffnung gelegen hat. Ich darf es festhalten, sie ist beim Herrn und jetzt hat sie es besser. Ich erinnere mich, dass ich neulich mal so durchs Land gefahren bin und einfach darüber innerlich jubeln musste, ich bin doch so ein glücklicher Mensch, meine Frau ist schon beim Herrn und ich habe auch Heimatrecht, Königsrecht, oben bei ihm.
"Gottes Wege sind lauter Güte." Amen.
Uwe Holmer