Ein heilsames Weihnachtserlebnis

Ich war zwölf Jahre alt, Quartaner, aber sehr ungern, und ich glaube - faul. Ich weiß nicht recht, wie es kam - auf einmal war ich in ein Lügennetz verstrickt. Ich hatte eine schlechte Arbeit geschrieben. Dieses und die nächsten schlechten Noten verschwieg ich. Ich sah bekümmert Unheil auf mich zukommen. Eines Tages, von meinem Vater nach den Arbeiten gefragt, log ich ihm mit klopfendem Herzen etwas vor. Er wollte das Heft sehen. Da habe ich mich hingesetzt und ein neues angefertigt, wobei ich mit roter Tinte die Unterschrift fälschte. So bekam mein Vater ein Heft mit den herrlichsten Zensuren vorgelegt. Doch musste ich damals erfahren, dass aus jeder Lüge zehn neue herauswachsen.
Eines Tages brach die Katastrophe herein. Der Briefträger schellte und gab die Post ab. Wenige Minuten später ging die Tür des Studierzimmers auf, mein Vater erschien, und ruhig forderte er mich auf: "Komm doch mal herein!" Die Schreibtischlampe beleuchtete den eben geöffneten Brief. Ich erkannte sofort die Schrift meines Klassenlehrers, der nur mit zwei Zeilen meinen Vater um Aussprache bat. "Komm, setz dich", sagte mein Vater, "und erzähl mir, was denn da los ist!" Nun brach es aus meinem Herzen heraus, der ganze Knäuel aus Schwindel, Betrug, Lüge, Faulheit und Schmutz. Betroffen sagte mein Vater: "Du wirst ein Nagel an meinem Sarg werden! Nun geh!" Tränen flossen über mein Gesicht, als ich die dunkle Treppe hinaufstieg in mein Zimmer.
Keiner rief mich zum Abendessen. Ich hatte auch kein Verlangen danach. Später hörte ich meine Mutter mit meinen Schwestern Weihnachtslieder singen. Ich begriff dunkel, dass Sünde ausschließt und einsam macht. Ich war maßlos verzweifelt über mich selbst.
Tief in der Nacht, als alle außer mein Vater im Bett waren, hörte ich seine Tür gehen und wie er heraufstieg zu mir in den zweiten Stock; ganz langsam, Stufe für Stufe. Meine erschrockenen Gedanken jagten sich. Was wollte er jetzt? Kam jetzt die große Abrechnung? Dann ging die Tür auf, er trat in das dunkle Zimmer. Ganz leise fragte er mich: "Schläfst du?" - Mir stieg ein unbändiges Schluchzen hoch. Sagen konnte ich nichts. Da kam er auf mein Bett zu, sanft legte er seine Hand auf meinen Kopf und sagte: "Nun bist du froh, dass alles im Licht ist, mein Sohn!" Ich spürte, wie er sich herabbeugte und mir einen Kuss gab. Dann ging er.
Ich lag wie gelähmt. Und doch - am liebsten wäre ich herausgesprungen, hätte ihm um den Hals fallen mögen: "Mein lieber Vater!" Ich lag im Dunkel. Selten habe ich eine solche unendliche Seligkeit gefühlt. Vergebung! Vergebung! Ja, nun würde alles neu werden! Viele Jahre später lernte ich die Vergebung der Schuld kennen, die der lebendige Gott uns im Herrn Jesus, dem Gekreuzigten, schenkt. Das ist die Liebe Gottes, dass unsere Schuld wirklich und wahrhaftig abgetan ist. Und hier - in der Vergebung - liegt alle Kraft zu einem neuen Leben. Wer sie erfährt und glaubt, dem quillt das Herz über vor Liebe zum Vater.

Pfr. Wilhelm Busch

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