"Ob ich schon wanderte im finsteren Tal ..."

Todd Beamer (31) aus New Jersey saß in der Maschine der United Airlines, die am 11. September von Terroristen entführt wurde und in Pennsylvania abstürzte.

Was macht ein Christ, wenn er in einem Flugzeug sitzt, das von einem islamischen Selbstmordkommando entführt und zum Absturz auf ein symbolträchtiges Gebäude bestimmt ist? Besonnenes Einreden auf Terroristen hat offenbar bei derartigen Kommandos bisher nicht geholfen. Darf man also Gewalt anwenden? Jesus Christus sagte doch aber: "Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar"? (Matthäus 5, 39) Ein Christ sollte also auf eine entsprechende Selbstverteidigung verzichten.
Doch hat nicht Jesus auch als das höchste Gebot (neben der Liebe zu Gott) die Liebe zum Nächsten gefordert? Wenn nun aber meine Nächsten vom Tode bedroht werden, gebietet dann nicht genau dieses Gebot, den Anderen zu schützen - notfalls mit Gewalt, wenn ihm sonst nicht zu helfen ist? Das alles sind keine theoretischen Spielereien. Das Ganze wurde Realität am berühmten 11. September, wie aufgezeichnete Telefonate bezeugen. So ergab eine Auswertung des Stimmenrekorders des in Pennsylvania abgestürzten Flugzeuges, dass es einen "wilden Kampf" mit englischen wie arabischen Schreien in den letzten Minuten vor dem Absturz gegeben hatte. Höchstwahrscheinlich wurde - so US-Experten - durch mutige Passagiere der geplante Sturz des Flugzeuges auf den Präsidentensitz in Camp David vereitelt. Denn dank der Auseinandersetzungen an Bord zerschellte das Flugzeug vorzeitig auf einem Feld. Wer hat auf diese Weise verhindert, dass Amerika in noch tiefere Verzweiflung gestürzt wurde?
"Wir kommen hier nicht lebend raus"
Schon etwa eine halbe Stunde nach dem Anschlag auf das Welthandelszentrum in New York um 8.45 Uhr hören Passagiere des Fluges United Airlines 93 von dem Selbstmordkommando über ihre Mobiltelefone. Sie können nun mit ziemlicher Sicherheit vermuten, dass auch ihre Entführung ein symbolträchtiges Ziel hat: das Capitol, Camp David oder das Weiße Haus. Gleichzeitig erleben sie, wie die Terroristen anfangen, Passagiere zu erdolchen. Was macht ein Christ in dieser Situation?
Von einem wissen wir es - dank des in US-Flugzeugen im Sitz des jeweiligen Vordermannes eingelassenen Telefonhörers für den Notfall: von Todd Beamer, einem 31 Jahre alten leitenden Angestellten aus New Jersey. Um 9.45 Uhr betätigt er den Notruf. Er schildert die aussichtslose Lage und erklärt eindeutig, dass er wisse, dass sie hier nicht mehr lebend herauskämen.
Und dann macht der junge Christ etwas Ungewöhnliches. Er schreit nicht: "Gott, wo bist du?" Er ruft nicht: "Herr, hilf mir doch endlich!" Er bleibt ganz ruhig und spricht mit der Frau in der Telefonannahme im Angesicht mordender Terroristen und seines eigenen Todes das Vaterunser: "Dein Reich komme. Dein Wille geschehe ... bis in Ewigkeit. Amen." Dann beten sie zusammen Psalm 23: "Der Herr ist mein Hirte ...Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir." Dann bittet er noch darum, seine schwangere Frau und seine beiden Söhne zu grüßen.
Nun erhebt sich der Christ und fordert vier andere Passagiere auf, zu versuchen, den Terroristen entgegenzutreten, um Schlimmeres als den Absturz, nämlich den Sturz auf Gebäude mit Menschen zu verhindern. Die fünf mutigen Männer haben Geschichte geschrieben, als ihr Flugzeug um 10.00 Uhr auf einem Acker zerschellte. Die Tageszeitung "Die Welt" überschrieb einen Bericht über diese Tat mit der Schlagzeile: "Licht inmitten der Finsternis".

Quelle: Idea Spektrum, 39/2001

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