Dieses Bekenntnis (siehe auch unten) habe ich zwar nicht jeden Tag ausgesprochen, als ich von Anfang August bis Mitte November in Kabul von den Taliban inhaftiert war. Doch dieses Jesaja-Wort (12, 2) fasst meine Erfahrungen zusammen. Ich musste mich jeden Morgen neu entscheiden, Gott zu vertrauen und ihm meine Angst zu überlassen. Wir - die inhaftierten acht ausländischen Entwicklungshelfer, darunter vier Deutsche - hatten so einen Spruch unter uns: "Wenn du denkst, es kann nicht mehr schlimmer kommen: Es geht!" Und unsere Situation wurde immer schlimmer. Die erste Zeit, in der wir völlig isoliert von der Außenwelt waren und noch nicht mal unseren Angehörigen mitteilen konnten, wo wir sind, war sehr hart. Wir bekamen oft keine oder falsche Informationen von den Taliban. Nach dem 11. September wurde unsere Situation wesentlich schwieriger. Und als die Amerikaner im Oktober begannen, Afghanistan zu bombardieren, kristallisierte sich immer mehr heraus, dass wir Geiseln waren und die Taliban uns für ihre Zwecke missbrauchten. Angst kam immer wieder auf! Besonders in den Bombennächten in Kabul, gefangen in einer Zelle. Oft hat das ganze Haus gebebt. Da gab es keinen sicheren Bunker für uns, wo wir Schutz hätten finden können. Immer wieder Isolation, Unsicherheit. Wir wussten nicht mehr, wie es ausgehen wird.
Gerade in der Nacht, als wir beim beginnenden Einmarsch der Nordallianz spätabends von den Taliban aus der Zelle im Kabuler Gefängnis geholt wurden und man uns in Richtung Kandahar verschleppt hatte. Uns war klar, dass das für uns den Tod bedeuten könnte. Da gab es nichts mehr, an dem man sich festhalten konnte. Da war nur noch Gott. Ich bin immer wieder ins Gebet gegangen und habe so meine Angst und Panik niedergerungen. Und Gott hat mir immer wieder seinen Frieden gegeben.
Von Anfang an hatten wir den Eindruck, dass wir heil und unbeschadet herauskommen würden (Daniel 3). Und Gott hat Wort gehalten. Schlimme Situationen sind uns nicht erspart geblieben, aber in all dem waren wir bewahrt. Auch wenn Angst da war: Gott war immer da. Auch der zweite Teil des Verses aus Jesaja 12, 2 (aus dem die Jahreslosung entnommen wurde) ist für mich bedeutsam: "Denn Gott ist meine Stärke und mein Loblied, und er ist mir zum Heil geworden." Gott zu loben, ihn anzubeten - auch in unserer Situation? Das haben wir uns nicht nehmen lassen. Das gehörte auch vor der Zeit unserer Gefangenschaft zu unserem täglichen Leben. Ich hätte mir nie vorstellen können, durch so eine schwere Zeit - in der Gewalt von Taliban, im Gefängnis und dann noch im Krieg - zu kommen ohne schwere seelische oder körperliche Schäden. Aus meiner Kraft heraus hätte ich das nicht geschafft. Mein Vertrauen in Gott und meine Liebe zu ihm sind in der Haft noch gewachsen. Und das gibt mir auch Hoffnung für die Zukunft.
Unsere Sicherheit im Westen ist trügerisch. Wir wissen nicht, was auf uns zukommen wird. Es gibt noch keine Garantie dafür, dass wir von Kriegen, Naturkatastrophen oder was auch immer verschont bleiben. Ich glaube auch nicht, dass wir als Christen einen Rechtsanspruch haben auf ein gutes, langes und friedliches Leben. Doch die Erfahrungen, die ich während dieser Zeit mit Gott gemacht habe, machen mir Mut und geben mir Hoffnung für morgen und übermorgen, denn ich weiß, dass ich mich auf Gott verlassen kann, egal was kommt und was passiert. Ob ich lebe oder sterbe, ich gehöre zu ihm. Allen Lesern möchte ich an dieser Stelle Danke sagen für alle Gebete und dass Sie hinter uns gestanden haben. Es hat uns alle tief berührt und sehr beeindruckt, wie groß die Anteilnahme war in den Gemeinden und Kirchen. Vielen Dank! Ich bin überzeugt, dass wir so viel Bewahrung erlebt haben, weil so viele Menschen für uns gebetet und hinter uns gestanden haben.
Margrit Stebner