An einem Sonntag sind wir mit unserem kleinen Chor bei einem Kranken. Nur gehört haben wir von ihm, dass er, - ein entschiedener Christ -, in der Vollkraft seiner Jahre plötzlich von einem schweren Leiden betroffen wurde, das den starken Mann in kurzer Zeit vollständig gelähmt hat. Mit einer stillen Scheu stellen wir uns im Nebenzimmer auf, um geben zu können, was wir zu geben haben. Wir sehen den Kranken nicht, aber wir empfinden, wie schlecht unsere Lieder passen, so gern wir sie zu anderen Gelegenheiten singen. Doch, dort steht auch ein Harmonium, bei dessen Anblick die Erinnerung an den Brief eines Freundes kommt, der uns gerade an diesem Morgen sein Lied: "Jesus verspätet sich nie!" zugeschickt hat. Diesen Brief mit dem Lied haben wir noch bei uns. Ein Zufall? Und so singen wir es dann als Sololied zum Harmonium, etwas unvorbereitet, aber
desto nachdenklicher.
Wir schließen unser Singen mit dem gemeinsamen Lied: "So nimm denn meine Hände..."
"Nun können sie auch noch meinen Mann begrüßen." Wir nehmen die Tulpen, die wir bei uns haben, mit ans Bett. Der übrige Chor muss zurückbleiben, weil ihn der Kranke nicht ertragen würde. Dort liegt er, der offenbar einst kräftige Mann. Ein charaktervoller Kopf. Die Züge des Gesichtes leiddurchfurcht, vollkommen unbeweglich. Wir vermögen bei diesem Anblick keine Worte zu finden. Nur die Gedanken arbeiten schneller. Was sind das für Gedanken? Ach ja, es lässt sich schon ganz gut singen: "Jesus verspätet sich nie!" - wenn man gesund ist, oder wenn man wohl mal krank ist, wie alle Menschen gelegentlich krank werden. Aber hier, wo sich Jesus scheinbar doch verspätet hat? - Endlich fallen uns die Tulpen ein, die wir immer noch in der Hand halten. Die Frau des Kranken nimmt sie dankbar mit den Worten: "Während der vierzehn Jahre haben wir noch immer Blumen gehabt."
Ist es denn denkbar: vierzehn Jahre lang unbeweglich gleich wie tot da liegen? Alles hören können, alles denken können, alles empfinden können, aber sich nicht im Geringsten rühren können, kein Wort sagen können, keinen Wunsch aussprechen können. Nun hat der arme Leidende sich durch- und wundgelegen. Aber selbst der Ton des Schmerzes ist ihm versagt. Muss ein Mensch nicht unter einer solchen Last - Tag für Tag, Nacht für Nacht, Jahr für Jahr; vierzehn Jahre lang getragen - zusammenbrechen? Erweckt das Bild über seinem Bett, das Jesus und seine Ihm nachfolgenden Jünger zeigt, erweckt es an dieser Stelle nicht bittere Gedanken? Muss man sich da nicht gegen einen solchen Gott aufbäumen, der einem Menschen und einer ganzen Familie ein solch unverständliches, unbegreifliches Joch auflegt? Warum tut man das Bild nicht weg? Wird nicht der Kranke allen Glauben, den er vielleicht früher einmal freudig bekannt hat, längst über Bord geworfen haben?
Siehe da, dort am Fußende hängt auch noch ein kleiner Spruch. Zwei Worte. Der Kranke, dessen Kopf durch eine Binde in einer ganz bestimmten Lage gehalten wird, muss ständig darauf schauen. - Was sind das für Worte? Worte der Ungeduld, der Hoffnung, der Sehnsucht heimzugehen? - Nichts von alledem. Nur zwei Worte stehen da: "Ja, Vater!" - "Vater", - ist das nicht Hoffnung, Frieden, Tröstung, Heimat? Liegt hier das Geheimnis der Kraft dieses Lastträgers ohnegleichen? Oder ist es nur das fromme Sichfügen der christlich gesinnten Angehörigen, das in diesem Spruchbild zum Ausdruck kommt? Unsere Gedanken werden aufgescheucht: "Wir wollen mal sehen, ob er sich gefreut hat." Die Gattin, seine treue Pflegerin, greift unter das Oberbett zur Brust des Kranken, dorthin, wo dessen verdorrte Hand liegt. Mit einem Glied seines kleinen Fingers kann dieser wenigstens dem Ja oder Nein seiner Gedanken schwachen Ausdruck geben: die einzige Möglichkeit der Verständigung! "O ja, er drückt recht fest." Wir beugen uns über das Bett: "Sehen sie, jetzt will er sie ansehen und sich bedanken." Was sollen wir in diesem Augenblick sagen? Es würde uns wie eine Lästerung vorkommen, wenn wir hier versuchten zu trösten. Aber ein Gebet bewegt doch unsere Lippen: "HERR, lass doch bald, bald Licht durch die dunklen Wolken brechen..."
Wir verabschieden uns. "Würden sie mir die Worte jenes Liedes wohl gelegentlich überlassen, damit ich sie meinem Mann noch mal vorlesen kann?" - Wir versprechen es. - Es sind schon vierzehn Tage her, dass wir diesen Krankenbesuch gemacht haben, aber dieses Erlebnis will uns nicht mehr aus dem Sinn kommen. Der Kranke konnte weder lallen noch reden, und doch hat er zwei Worte gesprochen, ganz vernehmlich, erschütternd vernehmlich, unmissverständlich! Er spricht sie noch immer, jeden Augenblick, jeden dunklen Tag der Qual, der körperlichen und seelischen Anfechtung, bis er überwunden hat: Worte des Gehorsams, des Glaubens, - wahrlich eines Glaubens, der rechtschaffen und viel köstlicher erfunden ist als das vergängliche Gold, das durchs Feuer geläutert wird, - diese beiden Worte eines Zeugen, der, obwohl er stumm ist, dennoch redet: "Ja, Vater!"
Nun, nachdem wieder einige Monate ins Land gegangen sind, können wir nur noch von dem Gedächtnis dieses Leidenszeugen berichten; denn still im Abendschein eines Novembertages ist er heimgeholt worden von Dem, auf den er so lange gewartet hat: Jesus verspätet sich nie, auch wenn manchmal aller Augenschein dagegen ist! Er kam nicht zu spät, um seinen Freund Lazarus aus dem Grab herauszurufen, um dem Sturm zu gebieten, um sein Kind zu erlösen, das vierzehn Jahre in schwersten Leiden ausgeharrt hat. Glaubst du das? Er, der gesprochen hat: "Ja, Vater, ja, von Herzensgrund, leg auf, ich will Dir´s tragen; mein Wollen hängt an Deinem Mund, mein Wirken ist Dein Sagen." Er, der Sohn Gottes, der Gekreuzigte, Auferstandene und Wiederkommende, gibt auch dir die Kraft, über deiner Schwachheit still zu werden und im Glauben und Gehorsam zu sagen, bis dass Er kommt: Ja, Vater!
Als sinnend mein Leben ich heut´ überdacht,
vernahm ich ein Wort in der Früh,
das hat mich so ruhig und stille gemacht:
"Mein Jesus verspätet sich nie!"
Zwar sind unsre Wege oft krumm und verwirrt,
wie soll es nur enden, sag´ wie?
Doch hat sich der Heiland noch niemals geirrt:
"Nein, Jesus verspätet sich nie!"
Und ob unser Herze vor Ungeduld weint,
vom Ringen uns zittern die Knie;
Er bleibt unser großer und herrlicher Freund:
"Ja, Jesus verspätet sich nie!"
So lautet die Lehre, die heute mir klar:
Ich weiß nicht das Wann und das Wie,
doch hab´ ich ein seliges Wissen, fürwahr:
"Mein Jesus verspätet sich nie!"