Es waren die letzten Tage ihres Lebens. Sie wusste, dass ihre Zeit zu Ende ging. Niemand konnte ihr mehr helfen. Kein Arzt und auch kein Medikament. Die Schatten des Todes hatten sie bereits erfasst. Bald, sehr bald würde alles vorbei sein. Keine Angst, keine Schmerzen und keine Tränen mehr.
Jetzt war auch alles Fragen zu Ende. Ihr Herz war zur Ruhe gekommen. Ein tiefer Friede lag auf ihr. Nichts wollte sie mehr festhalten. Auf ihrem Nachttisch stand eine Karte mit einem Wort der Bibel: "Vater, dein Wille geschehe!" Monatelang hatte sie sich dagegen aufgebäumt. Sie wollte und konnte sich nicht mit ihrem Schicksal abfinden. Alles in ihr schrie. Jetzt aber war sie getröstet. Verstehen konnte sie es zwar immer noch nicht, aber sie wusste zutiefst: Was Gott tut, das ist wohlgetan.
Sie liebte dieses Lied. Und sie hatte seine Wahrheit erfahren. Leise und mit großer Freude sang sie es immer wieder: "Er ist mein Licht und Leben, der mir nichts Böses gönnen kann. Ich will mich ihm ergeben in Freud und Leid. Was Gott tut, das ist wohlgetan, dabei will ich verbleiben. Es mag mich auf die raue Bahn Not, Tod und Elend treiben, so wird Gott mich ganz väterlich in seinen Armen halten; drum lass ich ihn nur walten."
Sie hatte erfahren, dass Gott sie hielt. Sie hatte den Frieden Gottes erlebt, der alles menschliche Begreifen weit übersteigt. Sie fühlte sich unendlich tief geborgen. Es war ja nicht ein blindes Schicksal, nicht irgendein Zufall, sondern Gott, der sie nach Seinem Willen auf diesen Weg führte. Das hatte sie erkannt. Jetzt war ihre Seele still geworden, still zu Gott. Sie war noch nicht einmal 42 Jahre alt, und schon war das Leben zu Ende.
Es war auch an einem sonnigen Frühlingstag, zwei Jahre vorher, als sie die Nachricht wie ein dumpfer Schlag traf: Krebs! Der Arzt meinte, man müsste sehen, was zu machen sei. Eine sofortige Operation sei notwendig.
Sie war zutiefst bestürzt, verzweifelt. Mühsam schleppte sie sich nach Hause. Wie erstarrt schaute sie vor sich hin. Sie konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen.
Die nächsten Tage waren schrecklich. Sie verbrachte die Stunden zwischen Angst und Resignation. Krebs - das war doch die Krankheit ohne Hoffnung, ein Sterben auf Raten. Fassungslos weinte sie vor sich hin. Niemand vermochte sie zu trösten, auch ihr Mann nicht. Keiner hatte die Kraft dazu. Jeder war selbst zutiefst betroffen. Noch nicht einmal beten konnte sie mehr. Sie war wie gelähmt.
Dann kam die Operation, ein Totaleingriff. Eine große, bösartige Geschwulst wurde entfernt. Als sie aufwachte, war die erste Frage: Werde ich leben? Der Arzt sagte, sie hätten getan, was sie konnten. Man müsste abwarten. Aber sie dürfe Hoffnung haben.
Die Nachuntersuchung verlief positiv. Die Medizin hatte gesiegt. Der Krebs war zum Stillstand gekommen. Das Leben war ihr neu geschenkt worden. Sie dankte Gott von Herzen für Seine Güte.
Ein halbes Jahr später ließ eine Routineuntersuchung alle Hoffnung zerbrechen. Der schleichende Tod hatte sie noch immer im Griff. Der Krebs hatte weitere Organe befallen. Eine Welt brach für sie zusammen. Es war nur noch eine Frage der Zeit. Niemand konnte sagen, wie lange noch. Das Leben war nicht mehr zu retten.
Der Gedanke an den Tod traf sie wie ein Schock. Dass sie zum Sterben verurteilt war, konnte sie nicht fassen. Sie war doch noch so jung. Und was würde aus ihrer Familie, aus ihrem Mann und den Kindern werden? Und sie wollte leben. Vor einigen Jahren hatten sie sich ein Haus gebaut. Auch einen schönen Garten hatten sie. Es ging ihnen wirtschaftlich nicht schlecht. Jetzt, wo es so schön war, sollte alles ein Ende haben?
Ihre Gedanken kamen nicht mehr zur Ruhe. Nächtelang lag sie wach und grübelte vor sich hin. Und ihr Gewissen klagte sie an...
Jahrelang hatte sie mitgearbeitet, für das Haus. Ihre Kinder sollten es einmal gut haben. All die Liebe, die sie den Kindern schuldig blieb, klagte sie nun an. Jetzt, wo sie nicht mehr arbeiten musste und alles nachholen wollte, konnte sie nicht mehr. Ihre Zukunft war bereits zu Ende. Wie eine zentnerschwere Last bedruckte sie alles Zukurzkommen ...
Und dann waren da die Sorgen: Wie sollte alles weitergehen? Ihre Kinder ohne Mutter in dieser Welt... Bei diesem Gedanken krampfte sich ihre Seele schmerzhaft zusammen. Ihr Mann würde vielleicht wieder einen Partner finden, aber die Kinder? Wer war dann für die Kinder da?
Und auf einmal waren die bohrenden, quälenden Fragen da: Warum? Warum gerade ich? Warum jetzt, wo mich noch alle brauchen? Warum, mein Gott, warum?
Immer wieder brachte sie diese Frage vor Gott. Sie war es gewohnt zu beten. Sie lebte im Glauben an Gott und an Sein Wort. Natürlich wusste sie, dass jeder einmal sterben muss. 70 Jahre währt das Leben eines Menschen, und wenn's hoch kommt, sind's 80 Jahre. Das wusste sie alles. Sie wollte sich ja auch mit dem Sterben abfinden - aber jetzt, so mitten im Leben? So plötzlich? Warum, mein Gott, warum?
Auf einmal war ihr, als ob sie jemand anrührte. Und ein Wort der Bibel brannte in ihrem Herzen. Es war das Wort des Herrn: "Was ich tue, das verstehst du jetzt nicht; du wirst es aber später erfahren." Wie warme Sonnenstrahlen erfüllten diese Worte ihre Seele. War das nicht eine Antwort, eine vorläufige Antwort? Jetzt wusste sie auf einmal: Ich bekomme hier keine letzte Erklärung. Es bleibt zwar unverständlich, aber ich werde es erfahren. Der Herr wird es mir sagen, irgendwann - später.
Nichts hatte sich geändert, und doch war alles anders geworden. Ihr Glaube war gereift. Jetzt konnte sie ihrem Herrn wieder vertrauen - ganz neu, ganz anders. Sie fing an, wieder in der Bibel zu lesen. Wochenlang hatte sie das nicht mehr gekonnt.
Und Gottes Wort gab ihr einen tiefen Trost. Es war voller Leben und Kraft. Körperlich wurde sie immer schwächer, aber innerlich erstarkte sie von Tag zu Tag. Sie hatte sogar Kraft, ihre Kinder zu trösten, und sagte ihnen auch, dass Gott keine Fehler macht. Dann las sie ihnen aus der Bibel vor: "Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, sondern soviel der Himmel höher ist als die Erde, soviel höher sind meine Wege als eure Wege und meine Gedanken höher als eure Gedanken." Dabei musste sie noch nicht einmal weinen. Sie wusste, dass Gott alles gut machen würde, auch mit ihrer Familie, mit ihren Kindern. Sie wusste das ganz gewiss.
Mit großem Frieden konnte sie alles loslassen. Die Ewigkeit wartete auf sie; die Ruhe Gottes. Nicht mehr sie musste sich sorgen, Gott würde sorgen - für alles. Denn auch der morgige Tag war ein Tag unter Gottes Führung. Diese Gewissheit machte sie froh, gelassen, zuversichtlich. Der Friede Gottes regierte ihre Sinne. Ein tiefer, bleibender Friede. Dieser Friede erreichte sie, als sie bereit war, sich dem unergründlichen Willen Gottes zu stellen; als sie aufhörte zu fragen und sich aufzulehnen. Es war ihre Gethsemanestunde. Der Tag, an dem sie nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit dem Herzen betete: "Vater, nicht mein, sondern dein Wille geschehe!"
Jetzt konnte sie in ihrem Herzen singen, wogegen sie sich monatelang gesträubt hatte: "In dein Erbarmen hülle mein schwaches Herz und mach es endlich stille in Freud und Schmerz. So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich."
Der Kampf war zu Ende und sie sagte ja zu Gottes Wegen, zu Seinen unverständlichen, unergründlichen und unerforschlichen Wegen. Und sie erfuhr die Wahrheit eines Wortes Gottes, das ihr der Heilige Geist in den letzten Wochen besonders lebendig gemacht hatte. Es war ein Wort aus dem "Brief der Freude", dem Philipperbrief: "Sorget euch um nichts, sondern lasst in allen Fällen eure Anliegen durch Gebete und Flehen vor Gott kund werden, und zwar verbunden mit Danksagung. Dann wird der Friede Gottes, der alles menschliche Begreifen weit übersteigt, eure Herzen und Gedanken, euer Denken und Wollen bewahren in der Gemeinschaft mit Jesus Christus."
Als sie aufhörte, sich zu sorgen, und alles Gott überließ, als sie alles in Seine Hände legte, da wurde ihr dieser Friede zuteil.