Erntedank

Vor über 200 Jahren dichtete Matthias Claudius ein Erntelied, das auch heute noch gesungen wird. Der Refrain lautet:
"Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn; drum dankt ihm..."

Kann man sich mit solch einer Aussage heute denn noch an die Öffentlichkeit wagen? In unserer Zeit ist doch scheinbar alles machbar geworden. Modernste Technik und Agrarwissenschaft sorgen für höchste Qualität und Quantität. Sollte die Ernte einmal schlecht ausfallen, dann sorgen weltweite Wirtschaftsbeziehungen dafür, dass wir keinen Mangel leiden. Ob Gottes Segen noch eine Rolle spielt, das ist vielen Leuten fragwürdig. Was man früher von Gott erwartete, das macht man heute selber. Die Wachstumsvorgänge sind erklärbar, und sie können fast beliebig aktiviert oder gehemmt werden. Für Gott bleibt da wenig Raum.

Hat das Erntedankfest denn da noch einen Sinn?
Es geht nicht nur um die Pflege einer bäuerlichen Tradition.
Erntedank will uns eine vernünftige Einstellung zu den Gaben vermitteln, die auf den Feldern und in den Gewächshäusern heranreifen und auch die Beziehung zum Schöpfer aller guten Gaben auffrischen. Es ist nämlich gar nicht wahr, dass alles machbar ist. Wir reden zwar von landwirtschaftlichen Produkten und von Erzeugern, aber im Grunde sind es Gaben, die Gott heranwachsen lässt. Wenn es auf dieser Erde noch genügend Genießbares zu ernten gibt, dann ist das der Treue und Liebe Gottes zu verdanken. Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn. Daran will uns das Erntedankfest erinnern. Wer sich lediglich mit den Gaben beschäftigt und nicht auf den Geber achtet, der verpasst die Hauptsache. Durch die Gaben will Gott uns deutlich machen, dass er uns liebt. Wenn man erklärt, dass die Gaben unsere Produkte sind, dann ist das verkehrt, und man verliert sie als Zeichen der Güte Gottes.
Wer ernsthaft nachdenkt, der begreift, dass es gar nicht so selbstverständlich ist, ausreichend Nahrungsmittel zur Verfügung zu haben. Täglich stirbt eine Unzahl von Zeitgenossen, weil ihnen das Nötigste zum Leben fehlt. Der Hungertod fordert nach wie vor erschreckend viele Opfer. Seit jeher haben sich die Christen am Erntedanktag auch an die Verantwortung für die Notleidenden erinnern lassen.

Natürlich haben wir auch unerfüllte Wünsche. Hier und da empfinden wir einen Mangel, aber im Grunde geht es uns doch recht gut. Vielen Menschen geht es schlechter als uns. Meist machen wir uns darüber keine Gedanken, denn wir haben uns an das Gute gewöhnt und halten es für normal. Wer jedoch begriffen hat, dass es gar nicht so selbstverständlich ist, genügend Nahrung zu haben, der wird dankbar. Dankbarkeit ist eine gute Grundeinstellung für das Leben. Beim Danken wird uns bewusst, was wir alles empfangen haben.
Dankbarkeit vermittelt eine neue Sicht. Alltägliches bekommt einen neuen Glanz, und man lernt wieder das Staunen. Undankbarkeit macht das Leben kümmerlich. Unzufriedenheit breitet sich aus. Die Freude am Leben geht verloren. Soweit dürfen wir es nicht kommen lassen. Der einzige Ausweg aus dem Sog der Unzufriedenheit ist die Dankbarkeit. Gott ist auf unser Dankeschön nicht angewiesen, aber für uns selbst ist es wichtig.
Lasst uns deshalb ganz bewusst Erntedank feiern. Es klärt unsere Beziehung zu Gott, dem Geber aller guten Gaben. Es erinnert uns an die, die auf unsere Hilfe warten. Es hilft uns zu einer frohen Lebenseinstellung.

Hans Greiff

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